Peter Birkner

3 Fragen zur Klimaneutralität an ... Peter Birkner

Prof. Dr.-Ing. Peter Birkner im Interview zu Klimaneutralität und den Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft. Herr Birkner ist Honorarprofessor der Bergischen Universität Wuppertal und Geschäftsführer des House of Energy in Kassel.

Pötter: Was ist für Sie ein klimaneutrales Unternehmen und braucht es klarere Regeln für Klimaneutralität?

Birkner: Klimaneutralität heißt für mich, dass Treibhausgase, die an einem Ort und zu einem Zeitpunkt emittiert werden an einem anderen Ort zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt kompensiert werden. Natürlich kommt es im besten Falle erst gar nicht zu einer Emission von Treibhausgasen. Dies ist aber flächendeckend nur sehr schwer zu bewerkstelligen. Wir werden daher voraussichtlich in Emissions- und Reduktionsbilanzen pro Unternehmen denken müssen. Damit wird deutlich, ohne klare Regeln und Zertifizierungen wird dies nicht funktionieren.

Pötter: Wie sehen Sie die bisherigen Wege deutscher Unternehmen zu Klimaneutralität und zu mehr Nachhaltigkeit?

Birkner: Der Weg zur Klimaneutralität stellt einen fundamentalen Paradigmenwechsel für die Unternehmen dar. Bis vor wenigen Jahren war CO2 kein Kostenfaktor. Damit entstanden Produktionsanlagen und Arbeitsplätze, die diesen Aspekt nicht berücksichtigten. Unser Wohlstand in Deutschland basiert aber auf Produktionsanlagen und Arbeitsplätzen. Hier ist sehr viel investives Kapital gebunden. Die Umstellung zu Klimaneutralität muss also im wahrsten Sinne des Wortes im laufenden Betrieb erfolgen.

Getätigte Investitionen müssen weiter eingesetzt werden können. Dies ist eine enorme Herausforderung für die Politik, für die Unternehmen aber auch für die Gesellschaft. Einerseits darf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Vergleich nicht gefährdet werden, andererseits macht sich der Klimawandel immer deutlicher bemerkbar. Die Zeit wird knapp. Es muss also ein kreativer, innovativer, effektiver und schneller Prozess eingeleitet werden. Technologischer Fortschritt ist zentral.

Ich selbst plädiere hier für die Nutzung von Marktmechanismen im Sinne eines Optimierungsinstruments für komplexe und multidimensionale technische Systeme, deren genaue Ausprägung noch gar nicht beschrieben werden kann. Die Marktmechanismen müssen von sozialen und ökologischen Randbedingungen flankiert werden, die auch regelmäßig zu – Stichwort Governance – überprüfen sind. Es geht dabei um das gesamte Energiesystem und nicht nur um einzelne Sparten. Die richtige Lenkung der Kapitalströme ist entscheidend.

Zusammenfassend sehe ich die deutschen Unternehmen auf einem guten Weg, ordnungspolitisch gibt es für mich aber durchaus Optimierungsbedarf.

Pötter: Welche Maßnahmen ergreifen Sie persönlich, um etwas für den Klimaschutz zu leisten?

Birkner: Klimaschutz beginnt für mich mit Suffizienz und Effizienz. Muss ich irgendwohin fahren oder muss ich irgendetwas haben? Und wenn ja, wie geht dies effizient und wirtschaftlich? Konkret sind wir vor kurzem in ein neues Haus gezogen, dessen Energiebedarf deutlich unter unserer bisherigen Wohnung liegt. Die Wärmepumpe ist da, die Solaranlage in Planung. Schließlich sind meine Frau und ich begeisterte Fahrer eines Elektro-Scooters, den wir schon seit 2012 haben und häufig für kürzere Strecken nutzen.

In diesem Zusammenhang begrüße ich auch den Digitalisierungsschub, der sich im Zusammenhang mit der Coronakrise ergab. Ich werde meine Dienstreisen künftig mit strengeren Maßstäben bewerten und Videokonferenzen vorziehen. Wir müssen die vorhandenen Optionen nur richtig nutzen.

Die eigene Achtsamkeit gegenüber der Umwelt ist sehr wichtig. Sie wird aber für eine moderne Gesellschaft und für einen Planeten, auf dem knapp acht Milliarden Menschen (leider nicht immer würdevoll) leben, nicht ausreichen. Aus diesem Grund ist der technische Fortschritt eine Schlüsselkomponente der Lösung.

Daran arbeiten die Mitglieder des House of Energie, das Team der Geschäftsstelle und ich. Mit transdisziplinären Ansätzen wollen wir neue Optionen für die Energieversorgung von morgen schaffen. Allen Projekten ist gemein, dass sie eine wirtschaftliche Basis mit wissenschaftlicher Relevanz verbinden. Die Kooperation im Dreieck aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft stellt hier eine riesige Chance im Sinne der Transformation der Infrastruktur hin zu mehr Nachhaltigkeit dar.

Vielen Dank für das Interview.

 

Über Prof. Dr.-Ing. Peter Birkner

Prof. Dr.-Ing Peter Birkner ist Honorarprofessor der Bergischen Universität Wuppertal. Er unterrichtet am Lehrstuhl für elektrische Energieversorgungssysteme, betreut wissenschaftliche Arbeiten und beschäftigt sich mit den technischen Optionen zur effektiven und effizienten Implementierung von Energiesystemen, die auf der Nutzung regenerativer Energiequellen basieren. In diesem Zusammenhang bezieht er auch die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie das Instrument der Digitalisierung mit ein.

Seit 1. März 2016 ist Prof. Birkner Geschäftsführer des House of Energy e.V. in Kassel. Diese Institution ist die Denkfabrik und das Kompetenzzentrum des Landes Hessen für Energie. Als transdisziplinäre Koordinations-, Kooperations- und Kommunikationsplattform arbeitet es daran die Energiewende mit konkreten Projekten, die sich durch eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Relevanz auszeichnen, voranzubringen. Dies erfolgt unter dem Dach des House of Energy im übergreifenden Zusammenwirken von Landespolitik, Wissenschaft, Unternehmen und Energieversorgern. Anwendungsnahe Forschung und Entwicklung im Energiesektor stehen dabei im Zentrum der Aktivitäten.

Prof. Birkner ist Sprecher der Landesfachkommission Umwelt und Energie des Wirtschaftsrats Deutschland in Hessen. Zudem ist er Mitglied des deutschen Komitees der CIRED und er ist in verschiedenen Beiräten von neu gegründeten aber auch renommierten internationalen Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen und Fachzeitschriften engagiert.

Prof. Birkner ist studierter und promovierter Elektrotechniker und kann auf eine knapp 30-jährige Erfahrung in leitenden Positionen in regionalen und kommunalen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland und der EU verweisen (Lechwerke AG, Vychodoslovenska energetika a.s., Wendelsteinbahn GmbH, RWE Rhein-Ruhr-Netzservice GmbH, Mainova AG). Außerdem leitete er im Verbändebereich über viele Jahre das Komitee für Netze bei Eurelectric, dem europäischen Stromverband in Brüssel, und er war Vorstandsmitglied der Energietechnischen Gesellschaft ETG im VDE sowie der Arbeitsgemeinschaft Fernwärme AGFW.

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