3 Fragen zur Klimaneutralität an... Ute Goossens

Im neuen Blogbeitrag spreche ich mit Ute Goossens zum Thema Klimaneutralität. Seit 2012 ist sie bei der Firma Holzmühle Westerkamp in Visbek tätig. Unter anderem ist sie dort kaufmännische Leiterin, unterstützt aber auch viele andere Bereichen, wie z.B. den internationalen Vertrieb. Zuvor arbeitete sie während ihrer beruflichen Laufbahn bereits für viele verschieden internationale Unternehmen und bildete sich in den Themen des Qualitätsmanagements und Nachhaltigkeits-Zertifizierung fort. 

Andree: Klimaneutralität und Nachhaltigkeit werden in der Gesellschaft immer wichtigere Themen. Wie ist Ihr Geschäft davon betroffen?

Goossens: Nachhaltigkeit beginnt bei uns schon damit, dass unsere Rohware frische unbehandelte Holzspäne aus den Sägewerken ist. Bereits in den 50-iger Jahren, als noch niemand an Nachhaltigkeit dachte, begann die Familie Westerkamp damit in der „alten Mühle“ Holzmehl statt Getreidemehl zu produzieren. Zunächst einmal wurde das Holzmehl zum Polieren von Metall oder für die Linoleumherstellung verwendet. Es folgten viele kleinere technische Innovationen und die erste Holzhackschnitzelheizung für die Trocknung, da man ja an der Quelle saß. Aber der Durchbruch kam erst als die österreichische Firma Agromed auf die zunächst komisch klingende Idee kam, eine Rohfaser für die Tierernährung und eine Einstreu aus dem Holzmehl herzustellen. Heute liefern wir diese patentierten Produkte in über 45 Länder der Erde.

Auch in der Lebensmittelbranche wird unser Holzmehl inzwischen für die Filtration von Glukose und Stärke verwendet, da dieses Naturprodukt chemische und schädliche Hilfsstoffe ersetzt hat. Darüber hinaus hat Holzmehl in der Aufbereitung von Altfetten zu Biodiesel als Filtrationshilfsmittel eine wichtige Funktion. Danach kann das Holzmehl noch für Wärmeprozesse weiter genutzt werden. Bei der Herstellung von biobasierten Kunststoffen (WPC) oder bei der Herstellung von biologisch abbaubaren Verpackungen (PLA) spielt Holzmehl als nachhaltiger Grundstoff eine immer wichtigere Rolle. Die Vielfalt der Anwendungen dieses nachwachsenden Rohstoffes ist immens und den Erfindern und Entwicklern sind hier (fast) keine Grenzen gesetzt.

Aber nicht nur unsere Rohwaren und unsere Endprodukte sind nachhaltig, sondern auch unser Produktionsprozess. So setzen wir eine Holzhackschnitzelheizung zur Wärmeerzeugung für die Trocknung der Späne ein. Der neue Bandtrockner hat eine Wärmerückgewinnung, wodurch wir ca. 35 % Energie einsparen. Wir nutzen die Abwärme aus den energieeffizienten Kompressoren, haben auf dem Dach eine PV-Anlage und setzen uns immer neue ambitionierte Ziele, um Energie einzusparen. Hierbei merken wir, dass auch unsere Mitarbeiter inzwischen immer neue Ideen haben, wie und wo man eventuell noch Energie sparen könnte.

Auch bei Umweltmaßnahmen konnten wir schon viele Dinge umsetzen. Unsere Kunden verlangen vermehrt eine PEFC-Zertifizierung als Nachweis für nachhaltigen Waldbau. Aber wir haben uns auch zum Ziel gesetzt, Dinge für die Natur zu tun, da unsere Lebensgrundlage die Verarbeitung von Naturstoffen ist. So haben wir z.B.  Insektenhotels auf dem Gelände, eine Obstwiese mit Streuobst, eine Blühwiese für Insekten und Kriechtiere. Wir bekommen unseren wertvollen Rohstoff von der Natur und möchten etwas zurückgeben. Unsere Rohware kommt aus der Region und unsere Kunden sind in den letzten Jahren immer umwelt- und energiebewusster geworden und fragen solche Dinge nach.

Früher zählten nur Preis und Qualität, heute spielen auch Dinge wie Schadstoffe, Analysen, Umweltbelastung, Ursprung der Rohware und Entsorgung/Recycling eine Rolle. Dies wird von unseren Kunden aktiv nachgefragt und beeinflusst die Kaufentscheidung. Unsere Aufgabe ist es, den Kundenwünschen zu entsprechen und unsere Produkte technisch und qualitativ so anzupassen, dass wir auch zukünftig maßgeschneiderte Lösungen anbieten können. Dies bedeutet, dass wir zusammen mit der R &D Abteilung, Instituten und Technikern zusammensitzen müssen, um das Produkt so anzupassen, dass es möglichst einfach und effizient in den Produktionsprozess des Kunden passt. Hierbei ist es wichtig, dass wir die Anforderungen des Kunden und die Anforderungen an die Umwelt in Einklang bringen. Dies ist unsere Interpretation von Nachhaltigkeit und Klimaneutralität.

In unserer Firmenphilosophie, unserem Unternehmensleitbild und in unserem täglichen Handeln sind Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und umweltbewusstes Handeln fest verankert und werden „gelebt“.

Andree: Welche Unterstützung wünschen Sie sich auf dem Weg zur Klimaneutralität? Z.B. von der Politik?

Goossens: Wir sind ein energieintensives Unternehmen und profitieren von der Besonderen Ausgleichsregelung (BesAR). Hierfür ist es jedoch notwendig, dass wir immer wieder dokumentieren, wie wir unsere Energieziele erreichen, welche Maßnahmen wir umgesetzt haben und wie wir unsere Energieeffizienz von Jahr zu Jahr verbessert haben. Dies wird in jährlichen Audits zur DIN EN ISO 50001 von den Zertifizierungsstellen überprüft.

Daran anknüpfend werden wir in 2020 ein Umweltmanagement nach DIN EN 14001 einführen und zertifizieren lassen, worin dann ebenfalls die Maßnahmen und die Erreichung der Umweltziele überprüft werden. Diese beiden Normen sind schon mal eine gute Grundlage, um den Weg zur Klimaneutralität zu gehen. Viele Nachweise und Zahlen sind bereits vorhanden und werden bereits intern und extern überwacht.

Ähnlich wie man bei der EEG-Umlage Vergünstigungen bekommt, wenn man bestimmte Anforderungen erfüllt, könnte ich mir auch vorstellen, dass Unternehmen einen Nachlass auf die CO2 Steuer bekommen, wenn ein Umweltmanagement, eine Zertifizierung nach EMAS oder DIN EN 50001 und Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität nachgewiesen werden können.

Hiermit sollte die Politik ein Signal setzen, dass Unternehmen, die etwas für die Erreichung der Klimaziele tun, besser gestellt werden, als solche, die Kosten und Mühen nicht auf sich nehmen, sondern weiterhin unachtsam mit der Umwelt umgehen und nur den Gewinn sehen. So bietet die Politik der Industrie einen Anreiz, Umwelt- und Energieeffizienzmaßnahmen, die ja oftmals auch mit Investitionen, Mehrkosten und Mehrarbeit verbunden sind, umzusetzen um nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. 

Mit der Reduzierung der CO2 Steuer für zertifizierte Unternehmen würde die Politik das richtige Signal setzen, denn der Standort Deutschland würde mit dieser Förderung sowohl nachhaltiger als auch wirtschaftlich interessant und die Produkte bleiben wettbewerbsfähig. Die CO2 Steuer erhöht die Produktionskosten und damit den Verkaufspreis. Auf dem Weltmarkt sind somit solche Länder benachteiligt, die eine CO2 Steuer eingeführt haben, jene die dies nicht haben, produzieren günstiger, aber Umwelt belastender. Die Einnahmen aus der CO2 Steuer sollten somit denjenigen Unternehmen zu Gute kommen, die auch etwas tun.

Des Weiteren sollte die Politik Förderprogramme, KfW-Mittel und Zuschüsse zur Verfügung stellen für die Umsetzung von Klimazielen in der Industrie, analog den Programmen zur Förderung der Energieeffizienz. Oftmals ist die umweltschonendere Technologie teurer und die Entscheidung fällt aus wirtschaftlichen Gründen auf die günstigere Variante. Dieser finanzielle Nachteil sollte durch die Förderprogramme und Zuschüsse ausgeglichen werden. Es ist Aufgabe der Politik hierfür Gelder und Infrastruktur für die Prüfung der Anträge zu schaffen.

Andree: Welche Maßnahmen ergreifen Sie persönlich, um etwas für den Klimaschutz zu leisten?

Goossens: Wenn man überlegt, wie sich die Welt und die Umwelt in den letzten 50 Jahren verändert hat, ist das schon enorm.  Veränderungen sind nicht immer negativ und es gibt sicherlich viele technische Errungenschaften, die wir nicht mehr missen möchten. So bietet die Digitalisierung sicherlich sowohl Chancen wie auch Risiken. Unsere Aufgabe ist es, die Fehler der Vergangenheit wie den oft achtlosen Umgang mit der Natur auszugleichen, um den nachfolgenden Generationen ein Leben und Arbeiten auf dieser Erde zu ermöglichen.

Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, aber wir sollten die Chancen nutzen, jetzt wo wir die Fehler der Vergangenheit erkannt haben, schnell gegenzusteuern. Ich persönlich versuche mehr das Rad zu benutzen, statt den kurzen Weg zum Bäcker mit dem Auto zu fahren, weniger Strom zu verbrauchen, indem ich Leuchtmittel austausche und Geräte mit hohem Energieverbrauch vermeide oder ersetze. Die Heizung kann man auch etwas niedriger fahren, zumal wenn man viele Stunden gar nicht zu Hause ist. Eine Decke oder ein kurzes Anfeuern des Kamins bringen Wärme und Gemütlichkeit am Abend.

Auch die Digitalisierung bringt viele Vorteile, denn statt Workshops und Seminaren gibt es jetzt Webinare und Videokonferenzen. Dies spart Zeit und Benzinkosten und man bekommt die Präsentationen oft zwecks Ablage und als Nachschlagewerk in digitaler Form im Anschluss, was wiederum Papier spart. Dies finde ich eine sehr positive Entwicklung, wenn gleich im privaten Bereich das Grillen mit Freunden und persönliche Gespräche, einem Telefonat, einer Mail oder einer What’s App Nachricht eindeutig vorzuziehen sind.

Ich versuche im Einkauf darauf zu achten, regional erzeugte Lebensmittel, insbesondere Gemüse und Früchte zu kaufen, die auch der Saison entsprechen. Klar gibt es auch Erdbeeren im Dezember, aber die sind dann um die halbe Welt gereist und es wurde viel Energie verbraucht und für den Klimaschutz war das sicherlich auch nicht förderlich. Ich denke, wenn jeder viele kleine Maßnahmen im Alltag umsetzt, dann können wir gemeinsam schon viele Tonnen CO2 einsparen und die Welt auch in Zukunft noch als blauen Planeten bezeichnen.

Vielen Dank für das Interview.

Über Ute Goossens:

Nach meinen Sprach- und betriebswirtschaftlichem Studien war ich in meiner 35-jährigen beruflichen Laufbahn für viele internationale Unternehmen,  u.a. als Exportleiterin in der Lebensmittelindustrie, tätig. Aber auch ein Unternehmen im Maschinenbau und eine Reederei zählten zu meinen Arbeits- und Tätigkeitsfeldern.

So lernte ich viele Länder,  Unternehmen, Arbeitsweisen und Mentalitäten kennen. Nach der Krise 2009 wechselte ich dann zur SGS, wo ich mit dem Themen Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeits-Zertifizierungen in Berührung kam und mich auf diesem Gebiet fortbildete.

Seit 2012 unterstütze ich die Firma Holzmühle Westerkamp in Visbek in vielen Bereichen u.a. als kaufmännische Leitung und im internationalen Vertrieb.

Aufgrund der Anforderungen in der Herstellung von Futtermitteln, die Belieferung des Lebensmittel-bereiches, der Einstufung als energieeffizientes Unternehmen, kamen noch vielfältige Aufgaben und Funktionen im Bereich Qualitätsmanagement und Energiemanagement hinzu. Das Unternehmen ist nach DIN EN ISO 9001:2015, GMP+, QS, PEFC, DIN EN 50001 bereits zertifiziert. Durch Weiter-bildungen in diesen Bereichen bin ich u.a. Auditorin für Energiemanagement, die Qualifizierung als Auditorin für  Umweltmanagement nach DIN EN 14001 wird in Kürze abgeschlossen. Für 2021 haben wir uns das Ziel gesetzt, zusammen mit Limón den Weg zur Erreichung der Klimaneutralität zu gehen.

Mit Nachhaltigkeitsthemen habe ich mich seit vielen Jahren schon beschäftigt und habe bewusst dieses Unternehmen ausgewählt,  da ich hier viele Bereiche in puncto Nachhaltigkeit mitgestalten kann. 

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